Orgel-Förderverein St. Marien-Rachtig e.V.
54492 Zeltingen-Rachtig

Meinungen zum Für und Wider einer neuen Pfeifenorgel


- Zur Diskussion um die Orgeln

- Orgelverein bringt Leben ins Dorf -

- Eine neue Orgel für unsere Kirche - was soll das? -


Zur Diskussion um die Orgeln

Vom Luxus des perfekten Klangs ("Paulinus" Nr. 30 vom 28. Juli 2002)

 

In dem jahrzehntealten Streit "Pfeifen-Orgel oder Elektronen-Orgel" hat der Paulinus jetzt ent­schieden: Die Pfeifen-Orgel ist Luxus, die aus Kostengründen allein vertretbare Alternative heißt Digital-Orgel. So jedenfalls der Tenor des zweiseitigen Arti­kels von Alexander Daun. Um dies zu unterstreichen, darf ein Hersteller solcher Computer-Or­geln in einem mehrspaltigen In­terview die Vorzüge seines Pro­duktes herausstellen (ein Erbau­er von Pfeifenorgeln kommt da­gegen nicht zu Wort, er könnte ja etwas anderes sagen!). Besag­ter Herr K. darf hierbei behaup­ten, dass Pfeifenorgeln kaputt sind, "wenn es einmal kalt ist", E-Orgeln aber praktisch war­tungsfrei sind. Merkwürdig nur, dass er gleichzeitig auf den Repa­raturservice seiner Firma hin­weist und die Vollgarantie auf zwei Jahre beschränkt. (Konven­tionelle Orgelbauer geben in der Regel fünf bis zehn Jahre Garan­tie auf ihre Arbeiten.)

Im Text, Kommentar und Randspalte kommen weitere Befürworter der Digitalorgel zu Wort. Verschämt findet sich da­zwischen der Hinweis auf die Vorschrift des Bistums, dass "von der Anschaffung elektro­nischer Orgeln" abgeraten wird (dabei existiert ja wohl noch die 1999 erneut im Amtsblatt be­kräftigte Verordnung, dass elek­tronische Orgeln im Bistum Tri­er zum Gebrauch in der Litur­gie nicht zugelassen sind!) und die allzu knappe Stellung­nahme des Orgelsachverständi­gen des Bistums. Die differen­zierte Betrachtung des verstor­benen Pfarrers Clemens Mohr, der als praktizierender Organist Einblick in die Materie hatte, wird leider nur auszugsweise wiedergegeben.

Der Elektronikhersteller muss allerdings an anderer Stelle ein­räumen, dass die früheren Elekt­ronenorgeln "vom heutigen Standpunkt aus" als "unbefriedi­gend" zu bezeichnen sind, von denen man "viele heute nicht mehr hören kann". (In den dama­ligen Werbeprospekten las sich das ganz anders.)

Der Elektronikhersteller muss allerdings an anderer Stelle ein­räumen, dass die früheren Elekt­ronenorgeln "vom heutigen Standpunkt aus" als "unbefriedi­gend" zu bezeichnen sind, von denen man "viele heute nicht mehr hören kann". (In den dama­ligen Werbeprospekten las sich das ganz anders.)

Es wird auch gesagt, dass die heutige Generation der Digital­orgel in klanglicher Hinsicht weitaus besser sei und der Pfei­fenorgel so ähnlich, "dass man fast keinen Unterschied mehr feststellen kann". Zugegeben, Di­gitalorgeln klingen zunächst verblüffend "nach Orgel". Wer jedoch gewöhnt ist, genau zu hören, wird nach einiger Zeit der Faszination den Klang als zu perfekt, in sich gleich bleibend, unbelebt empfinden, es fehlen ihm die winzigen Nuancen, die dem Klang eine "Seele" geben. Neben den klanglichen Eigen­schaften spielt aber auch das äu­ßere Erscheinungsbild des In­struments eine nicht unwesent­liche Rolle. Am Beispiel der im "Paulinus" abgebildeten neuen Orgel (Stiftskirche Pfalzel) lässt sich an Ort und Stelle die Wir­kung eines wohlproportionier­ten Orgelprospekts im Vergleich zu den armseligen Schallkästen der dort auch vorhandenen Elektronen-Orgel studieren, die den historischen Raum verun­stalten. Nicht umsonst versu­chen die Elektronikhersteller, ihren Instrumenten ein Orgel-ähnliches Aussehen zu geben, indem sie Resonatoren in Form von Pfeifen verwenden. Was nicht Orgel ist, soll wenigstens danach aussehen!

Die wesentliche Frage bei der Entscheidung: Pfeifen- oder Di-gital-Orgel ist meines Erachtens jedoch diese: Welchen Stellen­wert misst man den Dingen bei, die in den Dienst der Liturgie ge­stellt werden? Setzt man das Ori­ginal ein oder begnügt man sich mit dem preiswerteren Ersatz, dem Imitat, dem Surrogat? Weil man im Hinblick auf die Kosten der Meinung ist: das tut es auch! Wenn man dies bei der Orgel für vertretbar hält, könnte man es ebenso gut auf andere liturgi­sche Gegenstände anwenden:

Statt Wachskerzen werden am Altar elektrische Kerzen einge­setzt (man errechne einmal die Einsparung über Jahrzehnte hin­weg), künstlicher Blumen­schmuck statt schnell verwel­kender echter Blumen (der Got­tesdienstbesucher kann vom entfernten Sitzplatz, aus sowieso den Unterschied nicht feststel­len), statt Live-Musik Konserven­musik (wenn die Digital-Orgel eh schon über den Lautsprecher tönt; Kirchenmusiker könnte man auf diese Weise gleich mit einsparen). Vielleicht ließe sich dann doch von dem so über viele Jahrzehnte (so lange und häufig noch länger hält in der Regel ei­ne gut gebaute Pfeifen-Orgel) eingesparten Geld eine "richtige" Orgel anschaffen.


Werner Spaniol, Kantor, Saarbrücken, per E-Mail

Anmerkung der Redaktion: Der "Paulinus" hat auf die geltende Regelung verwiesen und aus dem Handbuch des Rechts für das Bistum Trier zitiert:,. Von der Anschaffung elektronischer Orgeln wird abgeraten."

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Orgelverein bringt Leben ins Dorf

Vom Luxus des perfekten Klangs (,,Paulinus" Nr. 30 vom 28. JuIi 2002)

Natürlich ersetzt eine Pfeifenorgel ,,kein pastorales Konzept und sichert auch nicht die Zukunftsfähigkeit einer Gemeinde", aber auch ebensowenig werden mit den Bemühungen um eine Orgel-Finanzierung unnötige ,,Kreativität, Engagement und Zeit gebunden (durch wen eigentlich?), die an ande ren Stellen fehlen".

Bei uns ist jedenfalls seit Gründung unseres Vereins ,,Orgel-Förderverein St. Marien Rachtig e. V." - dessen Vorsit zender ich bin - im Jahre 1995 genau das Gegenteil der Fall. Wir sind ein aktiver Verein und bringen Leben ins Dorf, was es vorher nicht gab, durch Konzerte, musikalische Gottesdienste, Mitgestaltung von Dorffesten, Aktivierung unseres Patronatsfestes, Orgelwanderungen und so weiter, also durch Pflege der Kultur, von Heimat- und Brauchtum. Bei unseren Bemühungen um die Finanzierung unserer Orgel ,,Neue Orgel im historischen Gewand" leistet unsere Pfarrei lediglich eine einzige Kollekte, am Patrontsfest jeden Jahres, als direkten Beitrag für die Orgel. Dem üblichen Spendenaufkommen geht also nichts verloren. Nebenbei: auch die Schüler der Grund schule beziehen wir in unsere Arbeit mit ein.

Wenn es um eine neue Orgel geht, sollte man abwägen, wo es sinnvoll ist, trotz hoher Kosten eine Pfeifenorgel oder wieder eine Pfeifenorgel (wie bei uns) zu installieren, oder sich beim Neubau einer Kirche die Vorzüge der Elektronen-Orgel nutzbar zu machen. Da bin ich unbedingt dafür. Bisher gab es jedenfals noch keine wirkliche Alternative zur Pfeifenorgel. Wenn sich das durch die digitale Klangtechnik von Kienle in Zukunft ändern sollte, dann beginnt sicher eine neue Orgelzeit.

Egon Kappes, Zeltingen-Rachtig, per E-Mail

 

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- Eine neue Orgel für unsere Kirche - was soll das? -

Was hat eine Orgel überhaupt in der Kirche zu suchen? Gibt es nicht andere Konfessionen und Religionen, z.B. die orthodoxen Christen oder die Mohammedaner, die Musikinstrumente aus ihren Gottesdiensten als Teufelswerk verdammen?
Oder: Wofür braucht man denn eine Orgel? Kann man nicht auch ohne sie, oder mit einem anderen Instrument singen?
Und warum brauchen gerade wir hier in Rachtig etwas Neues?
Diese und andere Fragen will ich heute versuchen, Ihnen zu erklären!

Dazu zunächst einige Erläuterungen: Die Orgel ist zuerst ein Blasinstrument; der Ton wird erzeugt, indem Luft, die unter Druck steht, durch eine Pfeife geblasen wird. Jede Form von Druckluft wird im Orgelbau als ,,Wind" bezeichnet. Für jeden Ton wird eine eigene Pfeife benötigt. Das sind die grnndsätzlichen Elemente, die eine Orgel von jedem anderen Instrument unterscheiden.

Schon von Alexander dem Großen wird uns berichtet, daß er auf seinen Kriegszügen im 4. Jh. v.Chr. solche Orgeln mit sich führte. Sie müssen so laut gewesen sein, daß seine Feinde in panischem Schrecken die Flucht ergriffen. Mit technischen Mitteln ist es natürlich möglich, wesentlich höhere Winddrücke und damit auch höhere Lautstärken zu erzielen, als mit einem durch bloße menschliche Lungenkraft gespielten Instrument. Davon zeugen noch die uns allen bekannten Dampfpfeifen an Lokomotiven und Ozeandampfern. In Amerika, dem Land des Gigantismus, gibt es auf den berühmten Schaufelraddampfern des Mississippi sogar komplette Dampforgeln mit Pfeifen aus Kupfer und Messing und angeblasen mit Hochdruckdampf. Die größte dieser sogenannten ,,Calliopes" soll bis in eine Entfernung von 22 Meilen, das sind 35 Kilometer, zu hören sein.

Die Römer setzten die Orgel im Zirkus ein, zur Unterhaltung der Zuschauer und zur Anfeuerung der Kämpfer. Eine hervorragende Darstellung eines Orgelspielers findet sich auf den berühmten Mosaiken in Nennig an der Obermosel, kurz vor der frz. Grenze. Auf einem der 1852 entdeckten Bodenmosaike sind ein Orgelspieler und sein Instrument mit vielen Details im Zusammenspiel mit einem Hornisten abgebildet. Beide begleiten die auf anderen Bildern dargestellten Gladiatorenkämpfe.

Die frühen Verwendungsformen der Orgel als Kriegs- und Wettkampfbegleitinstrument machten es ihr zunächst natürlich unmöglich, im Gottesdienst Verwendung zu finden. Mit technischen Neuerungen, die eine kontrollierte Windführung und niedrigen Winddruck ermöglichten, wurde das Instrument zunächst einmal leiser und damit tauglich für musikalische Aufgaben vor allem in den Häusern der Reichen, später hatte der oströmische Kaiser in Konstantinopel das alleinige Recht auf Orgelmusik. Dort wurde die Orgel zum Requisit des überreichen orientalischen Pompes, während sie im weströmischen Reich völlig in Vergessenheit geriet. Die oströmischen Kaiser galten als sehr musikliebend; der zeitweise Wahnsinn Kaiser Justinians II. soll erfolgreich durch tage- und nächtelanges Orgelspiel bekämpft worden sein. Kaiser Konstantin VII.(944-959) soll zwei goldene und zwei silberne Orgeln besessen haben. Er verfasste selbst ein Buch über die Zeremonien am byzantinischen Hof, das zahlreiche Hinweise über das Orgelspiel enthält. Die Orgel war danach zwingend vorgeschriebenes Instrument für die Kaiserverehrung, die sog. ,,Akklamationen", ein Begriff, der auch in die christliche Liturgie aufgenommen wurde.

Der Syrer Josua bar-Bahlul berichtet um 960 von zwei verschiedenen Orgeln: eine Orgel, wie sie vom Hofe von Byzanz her bekannt sei, und eine andere mit hydraulischem Gebläse für militärische Signalzwecke. Das Instrument war nach den Beschreibungen 6-9 m hoch, arbeitete mit großen Winddrücken und gab einen sirenenhaften Ton von sich. Bis ins 13. Th. wird dieses Instrument erwähnt, das bis zu 60 Meilen weit zu hören war!

Im Jahre 757 bekam Frankenkönig Pippin der Kleine von einer konstantinopolitanischen Gesandtschaft eine Orgel geschenkt. Alle zeitgenössischen Chroniken - es sind deren über 20 - erwähnen die Ankunft der Orgel am Hofe des Frankenkönigs als eines der bemerkenswertesten Ereignisse des Jahres 757. Die meisten Schreiber fügen noch ausdrücklich hinzu, daß die Orgel im Frankenreich vorher unbekannt gewesen sei. Die machtpolitische Bedeutung eines solchen Instrumentes wird von Ermold dem Schwarzen bestätigt. In seinem Lobgedicht über Ludwig den Frommen (814-840) und dessen Orgel im Palast zu Aachen heißt es:

,,Auch die Orgel, welche in Frankreich gänzlich unbekannt war, auf welche sich das stolze griechische Reich allzusehr etwas einbildete, um deretwillen Konstantinopel wähnte, Dir, Ludwig, überlegen zu sein, jetzt besitzt sie auch der Palast zu Aachen. Vielleicht ist ihm dies ein Fingerzeig, sich Frankreich zu unterwerfen, da es nun diese hervorragendste Zierde verloren hat."
Ludwig der Fromme hatte 826 von einem Priester namens Georg aus Venedig gehört, er könne eine Orgel bauen, nahm den Geistlichen sofort in seinen Dienst und stellte ihm Geld und Material in reichem Maße zur Verfügung. So entstand im Palast zu Aachen die seit 400-500 Jahren erste im Westen erbaute Orgel.

Es steht außer Zweifel, daß die Orgeln unter Pippin dem Kleinen, Karl dem Großen und Ludwig dem Frommen - genau wie in Konstantinopel - nur als weltliches Prunkstück des Hofpalastes gedient haben, niemals aber als Kircheninstrument im Gottesdienst. Später aber wird plötzlich und so ausschließlich von Kirchenorgeln gesprochen, daß für die folgenden drei Jahrhunderte jegliche Zeugnisse der weltlichen Orgel fehlen. Dieser kulturell äußerst wichtige Übergang liegt im Dunkeln. Trotz des Fehlens zeitgenössischer Berichte liegt die Entwicklung aber auf der Hand. Der Priester Georg, welcher seine Kenntnisse wohl aus Konstantinopel hatte, gab diese Kunstgeheimnisse zweifellos einigen Schülern weiter, und diese Schüler waren damals naturgemäß Mönche, denn nur der geistliche Stand dürfte im frühen Mittelalter auf dem nötigen intellektuellen Niveau gestanden haben, um so komplizierte Dinge wie beispielsweise das Berechnen und Herstellen der Technik und der Metallpfeifen auszuführen. Diesen Männern dürfte es wohl bald klar geworden sein, daß man dieses Instrument nicht nur zur Verehrung des weltlichen, sondern auch des göttlichen Herrschers gebrauchen könne.

Die kirchliche Autorität sah dem Eindringen der Orgel nur mit Argwohn zu. Schon der hl. Justinus (103-168) verbannte alle Instrumente aus der Kirche. Auch Hieronymus hielt sie für verderblich. Das Konzil von Arles (314) exkommunizierte alle Schauspieler und Theaterleute, und zu diesen zählten auch die Organisten und Citharisten. Die Kirchenväter standen der Instrumentalmusik ganz allgemein ablehnend gegenüber. Damit war auch das Urteil über die Orgel gefällt, deren Aufbau und Funktionsweise sie aber bestens kannten. Auch der Orgelklang war an und für sich geschätzt als wohlklingend und süß. Sie wurde bisweilen mit Wohlwollen beschrieben und gerne für Symbole in Reden und Schriften verwendet. Origenes verglich in seinem Kommentar zum 150. Psalm die Kirche Gottes mit einer Orgel, welche verschiedene Elemente wie die Register einer Orgel in sich vereine. Doch niemals stellte sich die Frage, ob sie für den Gebrauch in der Kirche geeignet wäre, sie mußte vor der Tür bleiben wie die ,,Cithara", der ,,aulos" und die ,,Cymbala".

Damit werden einige Besonderheiten in der kirchlichen Orgeleinführung klar: Die Schüler Priester Georgs und ihre Nachfolger verbreiteten den Orgelbau zwar erstaunlich rasch, jedoch zunächst offensichtlich nur nördlich der Alpen, das heißt weit weg von Rom und dessen instrumentenfeindlichen Kirchenautoritäten.

Die ersten schriftlichen Zeugnisse über die Verwendung der Orgel im Gottesdienst gibt es im 10. Jh. in Mittel- und Westeuropa, bezeichnenderweise zunächst nur für Klosterkirchen, die Wirkungsstätten der orgelbauenden Mönche. 915 stiftete Graf Atton auf dem Hügel Canusina ein Kloster und schenkte der Kirche goldene und silberne Kelche und eine Orgel. 992 wird in der Chronik ,,Leben des hl. Oswald" folgendes geschildert: ,,Zu Ehren Gottes und des hl. Benedikt und zur Zierde der Kirche verschaffte er sich dreißig Pfund Kupfer zur Herstellung von Orgelpfeifen, welche mit ihren Fußspitzen auf Bohrlöchern stehen und an den Festtagen - vom starken Atem der Bälge getrieben - eine bezaubernd süße Melodie und einen weithin hörbaren Klang von sich geben."
Um 950 entstand in der St.-Peterskirche in Wincester in England ein monumentales Orgelwerk mit 10 Pfeifenreihen zu 40 Tönen, also insgesamt 400 Pfeifen. Zum Spielen waren zwei Organisten nötig, zum Betätigen der 26 Blasebälge 70 starke Männer! Wincester war aber ein Ausnahmefall, alle übrigen bekannten Orgeln der Zeit waren wesentlich kleiner.

Nicht offiziell, sondern auf heimliche Weise und weit weg von Rom schlich sich die Orgel in die Kirche ein, nachdem sie 1100 Jahre lang weltliches Freiluftinstrument und höfisches Prunkstück gewesen war. Mit dazu beigetragen haben sicherlich auch die oft schlechten Lateinkentnisse der Kleriker. So heißt das Wort ,,organum" - von griechisch ,,Organon" zunächst einmal nicht Orgel, sondern bezeichnet allgemein ein Musikinstrument, meistens waren Harfen gemeint. Im Ps. 137 heißt es in der Klage der gefangenen Kinder Gottes an den Wasserflüssen Babylons: ,,in salicibus in medio ejus suspendimus organa nostra..." - ,,unsere Harfen hingen wir an die Weidenbäume, die daselbst sind..." Ein mittelalterlicher Bibelmaler hat diese Stelle mit einem Bild illustriert, auf dem eine Figur eine Orgel an einen Baum hängt.

Auch die hl. Cäcilia ist auf diese Weise völlig unschuldig zur Patronin der Kirchenmusik geworden. Nach der Legende war Cäcilia zur Ehe mit dem Römer Valerianus bestimmt, hatte sich selbst aber Christus versprochen. Erst nach der Hochzeit offenbarte sie sich ihrem Mann und bekehrte ihn zum Christentum. Da sie das Kaiseropfer verweigerten, wurden sie zum Tod verurteilt und hingerichtet. Im ausführlichen Text der römischen Liturgie heißt es: ,,... cantantibus organis, illa in corde suo soli Domino decantabaL.. ,,- ,,während die Hochzeitsinstrumente erklangen, sang sie in ihrem Herzen allein dem Herrn..."  Aus dieser Langfassung entwickelte sich im 9. Th. für die erste Antiphon der Vesper die kürzere, aber sinnentstellende Fassung ,,Cantantibus organis Cäcilia Domino decantabat" - und das kann man auch ein wenig frei und ungenau so übersetzen: ,,Beim Spiel der Orgel lobte Cäcilia Gott." So wurde die zur Jungfäulichkeit entschlossene Braut Christi, die eigentlich diese Hochzeitsmusik zutiefst verachtete, ausgerechnet die Patronin der Musik!

Kehren wir wieder zurück zur Geschichte der Orgel! Orgelbauten sind schriftlich überliefert im Kloster St. Ulrich, Augsburg 1060, Kloster Weltenburg an der Donau 1077, 1134 in der Bischofskirche zu Arras. Im 13. Th. scheint die Orgel allgemein als kultisches Instrument anerkannt zu sein. Alle großen Kirchen Europas wetteifern um neue oder vergrößerte Instrumente, so Erfürt 1226, Bonn 1230, Prag 1255, usw. Der spanische Franziskanermönch Gilles de Zamora schreibt: ,,Besonders gut befunden ist das Instrument mit den vielen Pfeifen, wofür Bälge benötigt werden. Die Kirche benützt nur dieses eine Musikinstrument für die verschiedenen Gesänge, Prosen, Sequenzen und Hymnen. Alle anderen Instrumente sind wegen des Missbrauches durch die fahrenden Spielleute ausgeschlossen worden." Selbst Thomas von Aquin lobt die Orgel, weil sie ,,die Seelen zur Höhe führt". Während die Synode von Mailand 1287 die Orgel als einziges Gottesdienstinstrument zugelassen hatte, beschloß das Generalkapitel zu Ferrara 1290, das Orgelspiel während des Gottesdienstes zu verbieten. Einige Städte verweigerten aber den Gehorsam. So scheint die Zulassung oder Verwerfung der Orgel und ihres Spieles von Land zu Land verschieden gewesen zu sein, da eine offizielle Einführung von Rom her nach wie vor ausblieb.

Die Reformatoren des 15. und 16. Th. hatten sehr unterschiedliche Auffassungen von Musik und Orgeln im kultischen Bereich. Während die Orgel in der katholischen Kirche geduldet und mancherorts sehr gefördert wurde, war das im reformatorischen Bereich noch komplizierter. Martin Luther war zweifellos der sangefreudigste unter den großen Reformatoren. In der Deutschen Messe von 1526 sagte er, um der Übung im Worte Gottes willen ,,muss man lesen, singen, predigen, schreiben und dichten, und wo es hülflich undförderlich dazu wäre, wollte ich lassen mit allen Glocken dazu läuten und mit allen Orgeln pfeifen und alles klingen lassen, was klingen könnte."
Jean Calvin war ein unkünstlerischer Mensch ohne Beziehung zur Musik, aber er wußte um die Wirkung der Musik auf die Menschen. Instrumental- und Orgelmusik fand bei ihm keine Gnade, für den Gottesdienst kam bei ihm nur der einstimmige Psalmengesang in Frage, außerhalb der Kirche empfahl er für Haus und Feld den vierstimmigen Psalmengesang. Erst 1756 erklang in der St.-Pierre-Kathedrale in Genf zum ersten Mal wieder eine Orgel.
Huldrych Zwingli war selber Musikliebhaber und spielte viele Instrumente. Bei ihm standen aber die Wortverkündigung und der Predigtgottesdienst dermassen im Vordergrund, daß 1524 auf seine Empfehlung hin vom Rat der Stadt Zürich nicht nur die Instrumentalmusik, sondern auch jeglicher Gesang verboten wurde. Aber auch das ließ sich nicht auf ewig halten: 1598 wurde der einstimmige Kirchengesang wieder eingeführt, im 18. Th. der vierstimmige A-cappella-Gesang und im Jahre 1876 die erste Orgel im Züricher Großmünster erbaut.

Besonders bemerkenswert ist, daß sich hier ein ähnlicher Kampf um die Einführung der Orgel in den Gottesdienst abspielte wie 500 Jahre vorher in der katholischen Kirche. Das Eindringen der Orgel vollzog sich zunächst weit weg vom kirchlichen Hauptort und natürlich ohne Genehmigung der entsprechenden Autoritäten. Schließlich wurde das heimliche Geschehen immer häufiger und wurde stillschweigend toleriert. Zu einem offiziellen Beschluß, die Orgel einzuführen, konnte man sich aber weder da noch dort je durchringen. In mehr als einem Fall ist nachgewiesen, daß zunächst eine Orgel in der Kirche stand, aber während des Gottesdienstes geschlossen bleiben mußte. Sie diente nur zum Einüben der Lieder für die Jugend.

Auch die kath. Kirche befaßte sich in ihrer Geschichte oft mit der Musik im Gottesdienst, angefangen von den Choralsammlungen Gregors des Großen um 604 über verschiedene Konzile des Mittelalters und der Neuzeit, aber die Orgel wurde dabei fast immer ignoriert. Erst im 20. Jahrhundert gab die Kirche zwei entschiedene Erklärungen zur Musik und ihre Rolle in der Liturgie ab: Im Motu proprio von Papst Pins X. aus dem Jahre 1903 ging es vor allem um den gregorianischen Choral und seine Wiederbelebung, aber erst die Instruktion über die Musik in der Liturgie von 1962 im Rahmen des 2. Vatikanischen Konzils gab eine offizielle Erklärung auch zur Orgelmusik ab.

(Zitat ab S. 47 f.)

Soweit zur Geschichte der Orgel und ihrer Musik.

Die Orgel ist das einzige Instrument, das den vielfältigen Aufgaben einer abwechslungsreichen Kirchenmusik gerecht werden kann. Von der leisen und meditativen Musik zur Kommunion oder nach einer Predigt über die Führung und Begleitung des Gemeindegesanges bis hin zum festlichen Einzug bei einem kirchlichen Hochfest oder bei einer Hochzeit ist eine gute Orgel zu allem fähig. Für diese multifunktionelle Aufgabenstellung ist sonst kein anderes Instrument geeignet, wenn man nicht gleich ein ganzes Orchester einsetzen will. Auch die sog. elektronische Orgel, die auf den ersten Blick preisgünstiger als eine Pfeifenorgel erscheint, kann da nicht mithalten. Auf der einen Seite bestehen technische Probleme, und wie man zur Zeit in Klausen feststellen kann, sind selbst teuerste Instrumente nicht in der Lage, einen ausgewogenen Klang hervorzubringen, mit dem sie auch einen großen Kirchenraum füllen, ohne daß einem sofort die Ohren wehtun. Auf der anderen Seite sind alle diese Instrumente mit ihren Registern bloße Imitate von Pfeifenorgeln, und wer würde auf einen Altar denn Plastikblumen statt echte und elektrische Flackerbirnchen statt Kerzen stellen? Dann kann man in den Glockenturm auch gleich ein paar Lautsprecher statt Bronzeglocken hängen, und sowohl Predigt als auch Volksgesang werden vom Tonband eingespielt. Und wenn in zehn Jahren der technische Fortschritt so weitergeht, gibt es dann noch nicht einmal mehr Ersatzteile für die Elektronik.

Um die Orgel und ihre Probleme zu verstehen, ist es zunächst einmal nötig, wenigstens einige grundlegende Begriffe zu kennen:

1. Der Motor: Er erzeugt den Wind, mit dessen Hilfe aus den Pfeifen die Musik kommt.
2. Die Windladen: sind große, flache Kästen, auf denen die Pfeifen stehen und die die Steuerung enthalten.
3. Die Traktur: Damit bezeichnet man alle technischen Details, die zur Steuerung gehören und deren Hilfe der Organist der Orgel seinen Willen übermittelt.
4. Der Prospekt: Das Gesicht der Orgel, die Prospektpfeifen sollten klingen.
5. Register: Damit bezeichnet man eine Reihe von Pfeifen, hier 54 Stück von unterschiedlicher Tonhöhe, aber mit dem gleichen Klang, z.B. Flöte oder Trompete.
6. Die Werke: Jedes Teilwerk der Orgel steht auf einer eigenen Windlade mit einer eigenen Gruppe von Registern, die von einem eigenen Manual aus gespielt wird. Jedes Werk ist somit eine eigene, in sich abgeschlossene Orgel. Nur der Motor ist allen gemeinsam. Bei uns heißen diese Werke Hauptwerk, Unterpositiv und Pedal.


Erläuterungen zur Orgel...(wird fortgesetzt)


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Datum der letzten Überarbeitung: 20.08.2002