Orgel-Förderverein St. Marien-Rachtig e.V.
54492 Zeltingen-Rachtig


Die Balthasar-König-Orgel in Rachtig

Annähernd ein Jahrhundert lang haben Mitglieder der Familie König und deren zahlreiche Schüler nachhaltig den rheinischen Orgelbau des 18. Jahrhunderts geprägt und bis weit in das 19. Jahrhundert hinein gewirkt. Begründer der Orgelbauwerkstatt war Balthasar König (geboren um 1685, gestorben um 1760 in Köln), der 1711 in Münstereifel seine Tätigkeit aufnahm und etwa 1735 seine Werkstatt nach Köln verlegte. Sein ältester Sohn Christian Ludwig (*1711 Münstereifel, + 1789 Köln) wurde um 1744 nach Lehrjahren in den Niederlanden ebenfalls in Köln ansässig und unterhielt eine vom Vater unabhängige Werkstatt, zeitweise zusammen mit seinem Bruder Johann Nikolaus (1729 - 1775), der aber später das väterliche Geschäft übernahm. Das Wirken der Königs reichte von der Mosel über die Eifel und den Kölner und Aachener Raum bis in die Niederlande und im Osten nach Osnabrück.

Foto: Josef Thiesen, Kirchenmusiker und Gründungsmitglied, Organist in St. Michael Bernkastel, Longkamp, Monzelfeld

Die Orgel der St.-Marien-Kirche in Rachtig wurde 1739 mit hoher Wahrscheinlichkeit vom damals vor allem in katholischen Kreisen berühmten Orgelmacher Balthasar König erbaut. Direkte Nachweise für diese Annahme gibt es zwar nicht, aber die Indizien sprechen eine deutliche Sprache. So taucht z. B. in der Werkliste des Orgelmachers der Ortsname ,,Rechtig a.d. Mosel" auf, außerdem arbeitete König viel für Klöster und Orden, und Rachtig wurde damals vom Deutschen Orden seelsorgerisch betreut. So war es der aus Rachtig stammende Deutschordenspriester Johann Peter Glesius, der die Orgel nach eigenem Bekunden für 750 Taler machen ließ (Urkunde aus dem Jahre 1760). Durch weitere Stiftungen sorgte Glesius auch für den Unterhalt der Orgel sowie für die Gehälter von Organist und Balgtreter.

Auch nach hundert Jahren scheint das Instrument noch nichts von seiner Qualität eingebüßt zu haben, denn in einem Brief des Kirchenvorstandes an den Bischof zu Trier vom 30.07.1847 werden die Schönheit und der Klang des Instrumentes hervorgehoben.

Am 12. August 1857 brannte der Helm des Kirchturmes durch Blitzschlag ab. Pastor Lentz schrieb an das Generalvikariat in Trier u . a .: ,,... Auch die Orgel hat viel gelitten durch das Herausnehmen der Pfeifen. Denn man hielt die Kirche gänzlich für verloren..." Am 24. November genehmigt das Generalvikariat einen Reparaturvertrag für die Kirchenorgel, den die Pfarrei Rachtig am 17. des Monats mit dem Orgelbauer Joseph Claus zu Graach abgeschlossen hat. Weitere Aufzeichnungen und Belege fehlen leider.

Da von 1906 an die Rachtiger Kirche abgerissen und beträchtlich größer wieder aufgebaut wurde und infolgedessen die alte Orgel wohl zu klein war und nicht mehr der neuesten musikalischen Mode entsprach, wurde das Innere der Orgel von Heinrich Voltmann aus Klausen für 21 Mark abgetragen. In das Gehäuse, das nach hinten auf die dreifache Tiefe erweitert wurde, baute der Trierer Orgelbauer Nikolaus Franzen 1910 ein neues Orgelwerk mit 17 Registern auf pneumatischen Taschenladen (Abstromprinzip) ein. Diese Orgel wurde 1946 nach Kriegsschäden durch Anton Turk (Klausen), sowie 1959 durch Orgelbauer Eisen (Wittlich) und 1968 durch Paul Kön (Rachtig) repariert und geringfügig umdisponiert. Weitere Untersuchungen durch Dr. Wolfgang Meister und Domorganist Josef Still (Trier, Orgelsachverständiger des Bistums) haben mittlerweile ergeben, daß weitere Reparaturen den derzeitigen schlechten Zustand des Werkes nur vorübergehend etwas verbessern, da das Werk von 1910 grundlegende Mängel in der Konstruktion aufweist. Vor allem die Windversorgung ist besonders im Diskant nicht ausreichend berechnet.

Mit einer umfassenden Reparatur wären wohl die Defekte soweit zu beheben, daß eine Kirchenliedbegleitung ohne große Einschränkungen möglich ist, jedoch wäre das Instrument heutigen künstlerischen und konzertanten Ansprüchen nach wie vor nicht gewachsen. Letzteres wurde besonders deutlich bei einem Konzert des Leipziger Thomanerchores vor zehn Jahren, als der mitgereiste Organist sein Programm auf ein einziges Stück zusammenstreichen mußte, ebenso müssen am 20.4.2002 beim geplanten Konzert des Chores aus der französischen Partnerstadt von Zeltingen Rachtig, Saint-Florentin, die Orgelwerke durch Bläserstücke ersetzt werden.

Da die Rachtiger Kirche, nicht zuletzt bedingt durch günstige Parkplätze und ihr geräumiges Innere, häufig für Konzerte durch die Ortsvereine, aber auch die Kreismusikschule und besonders die Mosel Festwochen genutzt wird, fällt der Mangel an einer guten Orgel besonders ins Gewicht. Zudem besteht im gesamten Moselraum ein Mangel an geeigneten Instrumenten, sieht man einmal von einigen kleineren Orgeln überwiegend aus dem 19. Jahrhundert ab. So werden größere Kirchenkonzerte durch die Kultur- und Kur GmbH in jüngster Zeit mehr und mehr nach Trier, Himmerod und Cochem verlegt.

Die Kirchengemeinde Rachtig und der von ihr gegründete Orgelförderverein streben daher in absehbarer Zeit eine grundlegende Erneuerung des Instrumentes nach historischen Vorbildern aus dem 18. Jahrhundert an. In der heutigen Orgel sind noch zwei Pedalregister aus dieser Zeit vorhanden, ebenso die beiden Register im Prospekt, die erstaunlicherweise seit 1910 stumm, d. h. ohne Verbindung zum Rest der Orgel sind. Die Orgel wird wieder in ihren ursprünglichen baulichen Zustand zurückgeführt, d.h.: Aufteilung in Rückpositiv und hochgebautem Hauptwerk mit hinterständigem Pedal; im Sockel der Spielschrank mit einarmigen hängenden Trakturen für das Hauptwerk und Stechermechanik für das Rückpositiv. Der denkmalwerte Prospekt erhält also wieder seine ursprüngliche Form. Geplant sind der Einbau von 26 Registern, wobei möglichst viel der vorhandenen Pfeifensubstanz von 1910, vor allem aber die Register aus dem 18. Jahrhundert wiederverwendet werden sollen. Hierfür sind sicher noch intensive Untersuchungen des vorhandenen Materials nötig. Großen Wert legen wir auf solide handwerkliche Arbeit und ein durchdachtes musikalisches Konzept, um wieder ein Instrument zu erhalten, das zwar keine reine Stilkopie sein soll, aber durchaus in der rheinische Orgeltradition steht und im Besonderen die musikalischen und künstlerischen Vorstellungen eines Balthasar König widerspiegelt.

Das Instrument hat zur Zeit folgende Disposition (Reihenfolge wie auf der Lade):

I. Hauptwerk: (C - f3, Lade ausgebaut bis c4)
Bordun
16'
Principal
8'
Flöte
8'
Gamba
8'
Trompete
8'
(ab fs3 labial, doppelt besetzt)
Octav
4'
Rohrflöte
4'
Quinte
2 2/3'
Octav
2'

II. Nebenwerk: (C - f3, Lade ausgebaut bis c4)
Salicional
8'
Lieblich Gedackt
8'
Traversflöte
4'
(überblasend)
Principal
2'
(nicht original, früher Geigenprincipal 8')
Nasat
8'
(früher Äoline 8')


Pedal: (C - d')
Violonbass
16'
Subbass
16'
(C - fo alte Pfeifen mit engerer Mensur)
Oktavbass
8'
(Am Spieltisch steht: Salicetbass 16'; vielleicht wurde das Register
nach dem Krieg ausgetauscht)


Koppeln:
I - P, II- P, Oktavkoppel im Pedal (C - ho)
II - 1; Superoctav II - 1, Superoctav in 1, Melodiekoppel

Freie Kombination, 2 Auslöser
Feste Kombinationen für Piano, Mezzoforte, Forte und Tutti (ohne Trompete).
Die Register Geigenprincipal 8', Aeoline 8' (II) und Salicetbass 16' (Pedal) stehen auch auf dem Orgelmeldebogen vom 10. Juni 1944.

 

Folgender Dispositionsentwurf wird realisiert:

Disposition laut Vertrag, 27 Register, 1654 Pfeifen,
davon 30 aus Holz, Rest Metall (70% Zinn)
1. Manual, Rückpositiv II. Manual, Hauptwerk Pedal
Hohlpfeif 8' Bourdon 16' Subbaß 16'
Flaut travers Discant 8' Principal 8' Octav 8'
Prestant 4' Viola di Gamba 8' Gedact 8'
Flaut 4' Hollpfeif 8' Bombart 16'
Octav 2' Octav 4' Trompet 8'
Quint 1 1/2' Flaut 4'    
Tintinnabulum Disc. 2f Qint 3'
Mixtur 3f Octav 2'
Cromhorn 8' Terz 1 3/5'
Tremulant Cornett Disc. 3f
    Mixtur 4f    
    Trompet 8'    
Claron Bass 4'
9 Register, 600 Pfeifen 13 Register, 904 Pfeifen 5 Register, 150 Pfeifen


gez. Josef Thiesen, Kirchenmusiker

 


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Diese Seite hat erstellt: Hans-Heiko Stein, Deutschherrenstr. 49, 54492 Zeltingen-Rachtig
eMail an: HHStein@web.de
Datum der letzten Überarbeitung: 31.01.2004