Orgel-Förderverein St. Marien-Rachtig e.V.

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Kultur vor Ort

25.04.2006

Als Mozart laufen lernte

ZELTINGEN-RACHTIG. Die Zeitmaschine von der Mosel: Wegen der König-Weimbs-Orgel sind 15 Kammersolisten nach Zeltingen-Rachtig gereist, um eine CD-Weltneuheit einzuspielen. Es ist die erste Veröffentlichung aller acht Konzerte für Orgel und Orchester von Frantisek Xaver Brixi, einem Zeitgenossen Wolfgang Amadeus Mozarts.
Von unserer Redakteurin
DAGMAR SCHOMMER

Virtuoses Spiel: Der Organist Christian Schmitt (Bild) hat das Kammermusik-Ensemble wegen der König-Weimbs-Orgel nach Zeltingen-Rachtig gelockt. Dort spielen die Musiker unter Leitung von Dirigent Nicol Matt und Tonmeister Reinhard Geller eine CD-Weltneuheit ein. Fotos (2): Dagmar Schommer
Durch dicke Kirchenmauern dringt der volle Klang der "Königin" ans Sonnenlicht. Begleitet von Streichern, Hörnern, Pauken und Trompeten lässt die Weimbs-Orgel in Zeltingen-Rachtig die Klangwelt des 18. Jahrhunderts lebendig werden. In der Pfarrkirche St. Marien arbeiten 15 Kammersolisten aus Rundfunkorchestern des NDR, SR und SWR an einer CD-Produktion.

Unermüdlich feilen sie mit Dirigent Nicol Matt und Tonmeister Reinhard Geller an der Phrasierung einzelner Passagen und weiterer Perfektion im Zusammenspiel. "Versucht in Takt 73 die Achtel besser nach vorne zu tragen und die Viertel mit einem kleinen Akzent zu versehen. Die schleichen sich sonst so davon", sagt Tonmeister Geller, der mit Kopfhörern und Mischpult im Kirchenvorraum sitzt. "Ja, wenn's hilft", antwortet Matt, der sich mit den Musikern um die Weimbs-Orgel auf der Empore gruppiert hat. Über Mikro konferiert er mit dem Tonmeister. Die Blechbläser sitzen aus akustischen Gründen weiter weg, weshalb sie das Dirigat Matts auf Video verfolgen.

Dreieinhalb Stunden Arbeit für zwölf Minuten Aufnahme

Virtuos klingt das Spiel des jungen Organisten, beschwingt wirken die Streicher-Läufe, doch Matt winkt wieder ab, und schon kommt die Bestätigung vom Tonmeister: "Ich habe das Gefühl, ihr seid bei 97 nicht ganz zusammen." "Die beiden Töne müssen exakt gleich lang sein", lautet die Anweisung des Dirigenten. So arbeitet sich das Ensemble Takt für Takt durch die Literatur. Mit dem Einspielen eines etwa zwölfminütigen Konzerts sind die Musiker rund dreieinhalb Stunden beschäftigt. Auf dem Programm: die erste Veröffentlichung aller acht Konzerte für Orgel und Orchester des böhmischen Komponisten Frantisek Xaver Brixi (siehe Extra). Brixi bekleidete 1759 das wichtigste Amt im Musikleben der Stadt Prag. Mozart, auf den viele der frühklassischen Kompositionen des Böhmen hinweisen, war da gerade drei Jahre alt.

Die CD-Produktion ist eine WeltNeuheit. Erst kürzlich wurde das achte Konzert im Prager Nationalmuseum entdeckt. Dass das Ensemble als erstes Zugriff auf die Noten hatte, ist eher Zufall: Dirigent Matt erkundigte sich beim Verlag, ob die Sammlung Brixis mit den sieben erhältlichen Konzerten vollständig sei und erfuhr dabei, dass das achte gerade in Druck geht. "Wir sind dem Butz-Verlag St. Augustin sehr dankbar, dass er uns das Konzert noch vor dem offiziellen Druck für die CD-Produktion zur Verfügung gestellt hat", sagt Organist Christian Schmitt, auf dessen Wunsch das Ensemble an der Mosel produziert. "Ich hatte schon zwei Mal das Glück, die Rachtiger König-Weimbs-Orgel spielen zu dürfen. Eine ganz fantastische Orgel mit einem charakteristischen Klang", schwärmt der 30-jährige Musiker aus Saarbrücken. Diese Orgel, für deren Restaurierung sich der Förderverein über Jahre eingesetzt hat (siehe Hintergrund), sei einfach sehr geeignet, die Musik Brixis wiederzugeben. Mit der Wahl des jungen Organisten sind auch Tonmeister und Dirigent mehr als zufrieden. "Die Orgel ist optimal für diese Musik geeignet", lobt Matt und hebt die gelungene Auswahl der Register hervor. An Brixi schätzt er vor allem den heiteren, festlichen Charakter. "Seine Kompositionen verlangen den Musikern viel technische Brillanz ab", sagt er.


Neu im alten Gewand: die Orgel in Zeltingen-Rachtig.

Weitere zwei Wochen Arbeit wird Geller nach dem Aufenthalt in Zeltingen-Rachtig noch in die Aufnahmen investieren, bevor die erste Doppel-CD im Handel erhältlich ist, auf der alle acht Konzerte für Orgel und Orchester von Brixi zu hören sind. Dass darauf die Rachtiger König-Weimbs-Orgel zu hören ist, freut den Vorsitzenden des Orgelfördervereins, Egon Kappes, ganz besonders: "Wir haben zehn Jahre viel auf die Beine gestellt, um den Orgel-Neubau zu finanzieren. Ich bin schon stolz darauf, dass sich das Ensemble für unsere Königin entschieden hat."

EXTRA
Frantisek Xaver Brixi Brixi
(1732 bis 1771) entstammt einer weitverzweigten nordböhmischen Musikerfamilie. Brixi trat nach seiner Ausbildung an verschiedenen Kirchen in Prag seinen Dienst als Organist an, bis er 1759 zum musikalischen Leiter im Prager Veitsdom, dem bedeutendsten Amt im Prager Musikleben, berufen wurde. In der tschechischen Musik ist Brixi kennzeichnend für die Periode des Übergangs vom Barock zur Klassik. Viele Elemente seiner Musik weisen bereits auf Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) hin. Der Saarbrücker Organist Christian Schmitt, der in Zeltingen-Rachtig Brixis Werke eingespielt hat, schätzt die Orgel-Konzerte des Komponisten wegen des festlichen Klangs, der Frische und Virtuosität. Schmitt: "Diese Konzerte sind eine gute Alternative zu Händel."
joa/jöl (scho)

HINTERGRUND
Auferstandene Königin
1995 gründete sich der Orgelförderverein Zeltingen-Rachtig mit dem Ziel, die aus dem Jahr 1739 stammende Balthasar-König-Orgel wieder zu einem Konzert-Instrument auszubauen. Die "Königin" war 1910 komplett umgebaut worden - leider zu ihrem Nachteil.

Egon Kappes, Vorsitzender des Orgelfördervereins Zeltingen-Rachtig. Foto: Dagmar Schommer

Damals war im Orgelbau die Technik der "pneumatischen Luftzufuhr" in Mode - wohl um Geld zu sparen, wie manche Experten vermuten. Bei dieser Technik wird die Luftzufuhr über Ventile, Bleirohre und Ventilbälgchen weitergeleitet. Der Nachteil: Der Ton erklingt nicht sofort bei Tastendruck, sondern erst mit etwas Verzögerung. Zudem lässt sich über den Anschlag nicht der Charakter des Tons bestimmen. Kurzum: "Man konnte noch Kirchenlieder begleiten, aber als Konzertinstrument war die Orgel völlig unbrauchbar", sagt Eugen Kappes, Vorsitzender des Orgelfördervereins Zeltingen-Rachtig. Im Zuge der Außen- und Innensanierung der Kirche entstand der Wunsch, auch die Orgel wieder konzerttauglich zu machen. Unter dem Motto "Neue Orgel in altem Gewand" wurde das alte Balthasar-König-Gehäuse mit einer neuen Orgel bestückt, die wie das Original eine mechanische Luftzufuhr hat und dem Klangideal des 18. Jahrhunderts nachempfunden ist. 345 000 Euro hat der Förderverein dafür bei zahlreichen Aktionen gesammelt (der TV berichtete mehrfach). Den Auftrag zum Neubau erhielt die Hellentaler Orgelbaufirma Weimbs, die sich mit der Restaurierung von Balthasar-König-Orgeln bereits einen Namen gemacht hat. Vor gut einem Jahr gab der Trierer Domorganist Josef Still als erster auf der neuen König-Weimbs-Orgel ein Konzert.
joa/jöl (scho)

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Datum der letzten Überarbeitung: 25.04.2006